Der Fall Schulze (Drage)

Im Sommer 2015 sorgte der Fall Schulze bundesweit für Schlagzeilen. Als vermisst galt Familie Schulze aus Drage an der Elbe. Ein paar Tage später wurde Familienvater Marco Schulze tot aus der Elbe geborgen. Die Polizei geht davon aus, dass er erweiterten Suizid begangen hat, sprich: dass Marco Schulze erst Ehefrau Sylvia Schulze und Tochter Miriam Schulze und anschließend sich selbst getötet hat. Marco Schulze soll von dieser Elbbrücke ins Wasser gesprungen sein. Die Brücke verbindet Hohnstorf (Niedersachsen) und Lauenburg (Schleswig-Holstein) miteinander. Auffällig: Marco Schulzes Leichnam war mit einem 25 Kilo schweren Betonklotz beschwert. Sylvia und Miriam Schulze gelten bis heute als vermisst. Diplom-Journalist Marcel Maack begleitete den Fall Schulze von Beginn an intensiv. Und er recherchiert noch immer.

Er gilt als einer der mysteriösesten Vermisstenfälle Deutschlands, spielte sich direkt vor meiner beruflichen und privaten Haustür ab und beschäftigt mich bis heute: Am Mittwoch, 22. Juli 2015, verschwand die bis dato in Drage an der Elbe lebende Familie Schulze. Vater Marco Schulze wurde wenige Tage später tot in der Elbe bei Lauenburg gefunden, Mutter Sylvia Schulze und Tochter Miriam Schulze gelten bis heute als vermisst.

Drage im Landkreis Harburg, Niedersachsen. Nur wenige Kilometer von Winsen (Luhe) entfernt, wo ich zu jener Zeit Zeitung machte. Drage war Teil meines Berichterstattungs-Gebiets, ich war also mittendrin im Geschehen. Recherchierte intensiv. Das Haus der Familie in Drage, die Elbbrücke zwischen Hohnstorf und Lauenburg, der Seppenser Mühlenteich – ich war unzählige Male dort. Beobachtete die Polizei bei ihrer Arbeit, sprach mit Ermittlern und vielen weiteren Personen. Und schrieb etliche Berichte.

Was ist passiert an jenem 22. Juli 2015, dem letzten Schultag vor den niedersächsischen Sommerferien? Die Polizei geht davon aus, dass Marco Schulze erweiterten Suizid begangen hat, sprich: dass er erst seine Ehefrau Sylvia Schulze und seine Tochter Miriam Schulze und anschließend sich selbst getötet hat. Aber stimmt das wirklich?

Klar ist: Der Leichnam von Marco Schulze trieb am Freitag, 31. Juli 2015, bei Lauenburg an der Elboberfläche. Unheimlich: Er war mit einem 25 Kilogramm schweren Betonklotz beschwert.

Unklar ist bis heute, wo und wie Marco Schulze seine Frau Sylvia Schulze und seine Tochter Miriam Schulze getötet und wohin er ihre Leichen verbracht hat.

Oder hat er sie gar nicht umgebracht? Was, wenn Sylvia und Miriam Schulze überhaupt nicht tot sind, die Mutter mit der Tochter an einem geheimgehaltenen Ort unter falschem Namen ein neues Leben begonnen hat? Klingt unwahrscheinlich und ist es wohl auch, theoretisch jedoch ist es eine denkbare Möglichkeit.

Und was, wenn Marco Schulze sich nicht selbst das Leben genommen hat? Der Betonklotz an seinem Körper – für Verschwörungstheoretiker ist er ein klares Indiz dafür, dass hier die Mafia am Werk gewesen sein muss.

Laut Polizei soll Marco Schulze von der Hohnstorfer Brücke, die von Niedersachsen hinüber nach Lauenburg in Schleswig-Holstein führt, in die Elbe gesprungen sein. Tod durch Ertrinken, heißt es im Obduktionsbericht. Und: Hinweise auf Fremdeinwirkung gibt es keine.

Allerdings auch keine Kratzer auf dem Brückengeländer.

Der Fall ist bis heute rätselhaft. Im Haus der Familie Schulze sah es aus, als sei diese nur mal kurz weg. Marco Schulze hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen. Sylvia Schulze soll ein paar Tage vor dem Verschwinden Miriams Schulspind leergeräumt haben. Die Sommerferien standen bevor, für Miriam waren Reiterferien gebucht – gegenüber einer Freundin soll Miriam aber gesagt haben, sie wisse nicht, ob es was werde mit dem Reiterurlaub. Und: Die Familie soll laut einer Zeugin am Tag ihres Verschwindens noch am Seppenser Mühlenteich nahe Buchholz in der Nordheide, rund 40 Kilometer von Drage entfernt, gewesen sein. Ermittler suchten daraufhin den Uferbereich mit Hunden ab, die Tiere witterten Fährten. Beängstigend: Von der Stelle, an der die Familie ihr Auto parkte, führen Fährten von Marco, Sylvia und Miriam Schulze zum See hin – aber nur von Marco Schulze führte eine Fährte um den See herum zurück zum Auto. Polizeitaucher suchten deshalb den Grund des Sees nach Leichen ab. Außer Baumstämmen und ein paar sonstigen Gegenständen fanden sie jedoch nichts.

Sylvia und Miriam Schulze gelten bis heute als vermisst. Das Haus der Familie Schulze in Drage ist inzwischen verkauft, wird nun von anderen Personen bewohnt.

Marco Schulze hatte ein Motiv, ein erweiterter Suizid gilt tatsächlich als wahrscheinlich. Und dennoch gibt es in dem Fall Ungereimtheiten. Warum waren alle drei Handys aus, als Marco, Sylvia und Miriam Schulze am Seppenser Mühlenteich waren? Wieso fuhr die Familie überhaupt dorthin? Weshalb sagte Sylvia Schulze frühmorgens Miriams Arzttermin ab? Und stimmt es wirklich, dass Sylvia und Miriam Schulze abends um halb acht bereits schliefen, wie Marco Schulze in einem Telefonat mit seinem Schwiegervater angab?

Der Fall Schulze wirft weiterhin Fragen auf. Fragen, auf die es noch immer keine Antworten gibt.

Ich lege den Fall Schulze jedenfalls nicht zu den Akten. Ich bleibe dran, recherchiere weiter. Solange, bis Sylvia und Miriam Schulze gefunden sind – tot oder lebendig.

Marcel Maack